Es gibt keine evidenzbasierte Kochbuchmedizin

Mit einer Rekorteilnehmerzahl ist in Köln am Donnerstag, dem 26. November, der 8. Interdisziplinäre WundCongress zu Ende gegangen. Die Veranstaltung, die diesmal unter dem Motto „Wir gehen der Wunde auf den Grund” stand, warf erneut einen Blick auf die Versorgungssituation von Menschen mit chronischen Wunden.

Der Interdisziplinäre WundCongress (IWC) zählt inzwischen zu den großen Veranstaltungen zum Thema Wundversorgung in Deutschland. Davon konnten sich am letzten Donnerstag im November – der traditionelle Veranstaltungstermin – wieder einmal über 1000 Teilnehmern überzeugen: Neben dem eigentlichen Hauptprogramm fanden gleich vier Satellitensymposien sowie ein Inselworkshop statt. Dazu kamen eine große Industrieausstellung und eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion.

„Wir gehen der Wunde auf den Grund” lautete das Versprechen des Kongresses mit den Gastgebern Prof. Dr. Volker Großkopf, Initiator des WundCongresses, sowie Vera Lux, Pflegedirektorin der Universitätsklinik Köln. Ansatz des IWC ist es, einen jährlich wechselnden Teilbereich der Wundversorgung mit Experten verschiedener Fachrichtungen – darunter Pflege, Medizin und Recht – unter die Lupe zu nehmen.

So referierte etwa der Mikrobiologe Dr. Andreas Schwarzkopf (Initiative Chronische Wunden e.V.) unter dem Titel „Sterile Wunden heilen nicht!“ über die Biochemie der Wunde und stellte dabei fest: „Bakterien sind nicht die Ursache einer chronischen Wundinfektion – sie sind die Nutznießer!“ Eine klare Position bezog auch der Angiologe Prof. Dr. Knut Kröger aus Krefeld in seinem Vortrag hinsichtlich der Behandlung von Menschen mit chronischen Wunden: „Eine evidenzbasierte Kochbuchmedizin gibt es nicht.“

Der Kölner Rechtsanwalt Hubert Klein relativierte die in der Pflege weit verbreitete Ansicht, dass Expertenstandards in Stein gemeißelte Handlungsanweisungen oder gar „vorweggenommene Sachverständigen-Gutachten“ seien. „Ein Expertenstandard ist eine vorgegebene Informationslage, die hoffentlich noch auf dem neuesten Stand ist”, bemerkte er. Hieran schlossen sich die Ausführungen von Gonda Bauernfeind, Mitglied der DNQP-Expertengruppe „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ an, die über den aktualisierten Expertenstandard referierte.

Begleitend zum Kongress gab es wiederum vier Satellitensymposien, die von der BGW, dem Medical Data Institute (MDI) sowie den Unternehmen BSN medical und ConvaTec ausgerichtet worden sind. Außerdem gab es erstmalig einen praktisch angelegten Inselworkshop des Hilfsmittel-Herstellers medi aus Bayreuth. Eine Industrieausstellung mit weit über 50 teilnehmenden Firmen ergänzte den Kongresstag.

Auch der WundCongress im kommenden Jahr ist bereits terminiert: Am Donnerstag, 24. November 2016, wird unter dem Motto „Wundbehandlung 2020 – Chronische Wunden heilen doch!?“ der 9. IWC steigen. Ein Vorab-Programm und eine Anmeldemöglichkeit soll in Kürze auf der Seite der Veranstaltung veröffentlicht werden.

Dieser Beitrag erschien erstmals in der Fachzeitschrift Rechtsdepesche.